European Level: Interview mit Thomas Jünger

Auf der diesjährigen Orgatec wird der Start von European Level öffentlich gemacht. Vorgestellt wurde das einheitliche europäische Nachhaltigkeitszertifikat für Büromöbel aber bereits auf der Orgatec 2014. Wir fragten Thomas Jünger, Geschäftsführer des deutschen Büroeinrichtungsverbandes IBA, was da so lange gedauert hat.

  • Thomas Jünger, Geschäftsführer des Industrieverbands Büro und Arbeitswelt IBA. iba.online
    Thomas Jünger, Geschäftsführer des Industrieverbands Büro und Arbeitswelt IBA. iba.online

OFFICE DEALZZ: Herr Jünger, warum hat es so lange gedauert, bis die ersten Lösungen nach European Level, vormals FEMB Level, zertifiziert wurden?

Thomas Jünger: Das lag an unserem eigenen Anspruch an das Level-Zeichen. Wir wollten eine Nachhaltigkeitszertifizierung, die in allen Prozessschritten transparent und überprüfbar ist. Daher haben wir uns entschieden, bei der nationalen Akkreditierungsstelle der Bundesrepublik Deutschland DAkkS die Anerkennung des gesamten Zertifizierungspakets zu beantragen. Im Rahmen des Akkreditierungsverfahrens wurden daraufhin sowohl der FEMB-Nachhaltigkeitsstandard, der die Grundlage der Zertifizierung bildet, als auch das Zertifizierungsverfahren in allen Details unter die Lupe genommen. Dieser Prozess ist an sich schon sehr aufwendig und zeitraubend. Dazu kam die Herausforderung, dass es bislang keinen anderen akkreditierten Nachhaltigkeitsstandard im europäischen Raum gibt, der ähnlich umfassend formuliert, welche Anforderungen umweltfreundliche und sozialverträglich produzierte Möbel erfüllen müssen. Insofern haben selbst die Mitarbeiter der DAkkS an manchen Stellen Neuland betreten.

Wie lange hat der Prozess von der Idee bis zur ersten Zertifizierung insgesamt gedauert?

Fast acht Jahre. Wir, das heißt die Mitglieder des IBA und unsere europäischen Kollegen, haben es uns wirklich nicht leicht gemacht. Die Mühe hat sich aber gelohnt. Nicht nur, weil wir jetzt ein auf Herz und Nieren geprüftes Zertifizierungssystem haben, sondern auch, weil Level ein echtes europäisches Zeichen geworden ist, das aber auch international, das heißt außerhalb des europäischen Wirtschaftsraums, angewendet werden kann.

Wer steckt hinter der Level-Zertifizierung?

Der Impuls ging gleichzeitig von mehreren Mitgliedern unseres europäischen Dachverbands FEMB aus. Wir waren den Flickenteppich teils miteinander konkurrierender Prüfzeichen für unterschiedliche Umweltaspekte leid. Daraus entstand der FEMB-Nachhaltigkeitsstandard, der – wie erwähnt – die Basis der Level-Zertifizierung bildet. 

Brauchte es wirklich noch eine zusätzliche „grüne Plakette“?

Genau das wollten wir vermeiden. Level soll keine weitere Plakette sein, die man neben fünf andere Umweltzeichen stellt, sondern umfassende Orientierung bieten, also Anforderungen anderer Prüfzeichen einschließen.

Wie funktioniert die Zertifizierung?

Level ist eine produktbezogene Zertifizierung. Davon ausgehend werden unter anderem der Materialeinsatz, die Langlebigkeit und die Wiederverwendbarkeit von Komponenten und Materialien geprüft. Es wird untersucht, wie viel Energie bei der Produktion und beim Transport verbraucht wird, welche Art von Energie eingesetzt wird, wie viel graue Energie in den Produkten selbst steckt und welche Auswirkungen der Energieeinsatz auf die Umwelt hat. Dann werden chemische Prozesse betrachtet. Hier steht neben dem Schutz der Umwelt auch der Gesundheitsschutz der in der Fertigung tätigen Menschen auf dem Prüfstand. In eine ähnliche Richtung zielt die Begutachtung der Organisation und der Wahrnehmung sozialer Verantwortung durch die Antragsteller. Insgesamt umfasst Level so zwölf Anforderungsfelder, in denen Zertifizierungspunkte erworben werden können und müssen. Je nachdem, wie viele Punkte am Ende zusammenkommen, erhält ein Produkt die Level-Zertifizierung auf den Stufen eins bis drei – oder eben keine Zertifizierung, wenn nicht genügend Punkte erreicht wurden.

Wer darf die Zertifizierung vornehmen und werden bestehende Zertifizierungen dabei anerkannt?

Uns war immer wichtig, dass die Prüfung und Zertifizierung durch unabhängige Stellen erfolgt. Auch diese Prüfstellen müssen sich beim DAkkS oder bei vergleichbaren Stellen anderer europäischer Länder akkreditieren lassen. Die Basis hierfür ist der internationale Standard ISO 17065. Als erstes Prüfinstitut wurde TÜV Rheinland LGA Products akkreditiert. In Spanien durchläuft derzeit das Technologie- und Forschungszentrum Tecnalia den Anerkennungsprozess. Weitere Prüf- und Zertifizierungsstellen bereiten sich auf die Akkreditierung als Level-Prüfstelle vor. Diese akkreditierten Prüfstellen nehmen dann die zur Zertifizierung eingereichten Produkte, die zugehörigen Fertigungsstätten und die antragstellende Organisation unter die Lupe. Dabei können einschlägige Prüfzeichen, die ihrerseits von einer europäischen Akkreditierungsstelle anerkannt wurden, angerechnet werden.       

European Level ist stark an die Level-Zertifizierung des amerikanischen Büromöbelverbandes BIFMA angelehnt. Hätten nicht auch Cradle to Cradle, Blauer Engel oder TÜV Pate stehen können?

Am Anfang der europäischen Zusammenarbeit haben wir mithilfe eines Expertenteams der Polytechnischen Hochschule in Mailand fast flächendeckend alle in Europa gebräuchlichen Umwelt- und Nachhaltigkeitszeichen unter die Lupe genommen und diese mit dem Level-Standard unserer US-amerikanischen Kollegen verglichen. Das Ergebnis war ziemlich eindeutig. Gemessen an unseren Erwartungen, eine umfassende Zertifizierung zu etablieren, war das US-Vorbild die beste Basis, obwohl natürlich auch hier eine ganze Reihe von Anpassungen notwendig war. So berücksichtigt European Level selbstverständlich die europäischen Gesetze und Verordnungen. Darüber hinaus haben wir in manchen Bereichen andere Schwerpunkte gesetzt als unsere amerikanischen Kollegen.

Was kommt auf die Büromöbelhersteller zu? Wie viel Geld und Geduld müssen sie einplanen?

Das hängt ganz von dem Vorbereitungsstand der Unternehmen und natürlich auch von der Komplexität der Produkte ab. Wo sich Komponenten für die Prüfung gut zusammenfassen lassen, wo Prozesse bereits weitgehend lückenlos dokumentiert sind und anerkennungsfähige Prüfzeugnisse vorliegen, kann eine Zertifizierung innerhalb einiger Monate abgeschlossen sein.

Vor vier Jahren war die Resonanz auf European Level seitens der Büromöbel-Hersteller sehr positiv. Hat diese Grundstimmung unvermindert angehalten?

Die Hersteller hätten sich sicherlich gewünscht, früher in die Umsetzung gehen zu können. Der grundsätzlich positiven Grundstimmung hat dies aber nicht geschadet. Wir wissen, dass sich derzeit in und außerhalb Deutschlands mehrere Unternehmen in der Vorbereitungsphase für die Prüfungen befinden.

Wer wurde bereits zertifiziert und wo kann man die Zertifikate einsehen?

Das erste Unternehmen mit nach europäischem Level-Standard zertifizierten Produkten ist VS Vereinigte Spezial- und Schulmöbelfabriken. Das IBA-Mitgliedsunternehmen hat dankenswerterweise als Pilotunternehmen den Akkreditierungsprozess begleitet. Auch Interstuhl hat den Prüfprozess inzwischen erfolgreich abgeschlossen. Aktuell kann man diese Prüfzeichen leider noch nicht einsehen. Bis zur Orgatec werden wir jedoch die Internetseite Levelcertified.eu freischalten, auf der dann alle zertifizierten Produkte zu finden sein werden. Zudem werden wir am 24. Oktober ab 17 Uhr die IBA-Bühne auf der Orgatec nutzen, um über Level und alle bis dahin zertifizierten Produkte zu informieren.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Robert Nehring.